von Philipp Sonntag | Schriftsteller
Direkt zum Seiteninhalt

Familie aus der Zukunft (Talkshow 2109)
 
Talkshow aus dem Fern-Spüren vom Jahr 2109. Zeitmaschinennavigator Phila, alias Philipp Sonntag

Moderator Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Ich begrüße mit Respekt einen geläuterten Terroristen, Harun al Raschid. Und ich freue mich besonders über Ernest und Saul, zwei Ein-Fühlige, welche Lebewesen aus anderen Zeiten einfühlsam improvisieren. Sie geben praktisch dieselben Antworten, wie die Originale. Hätten wir uns diese Natur-Lebewesen (mitsamt Körper) für die Sendung hergeholt, das wäre mit den Zeitmaschinen teuer geworden. Aber es geht auch so, denn unsere Neurobiologen können die Sprachfähigkeit früherer Lebewesen geradezu künstlerisch programmieren: Das ist ein Genuss, da bin ich mir sicher, für Millionen Zu-Spürer unseres modernen Senders.

Ganz anders war es vor hundert Jahren beim sogenannten „Fern-Sehen“. Da gab es nur grobe, äußerliche Anhaltspunkte, was ein Lebewesen wirklich spürt.

Sogar im intimsten Raum, in der Familie, konnte man zwar Körper sehen, mal nackt mal bekleidet, aber Telepathie wurde weder dort, noch in der Grundschule eingeübt. So gab es Stress in Familien, ziemlich heftig sogar, lange vor der großen Klima-Katastrophe von 2098. Was war damals Stress? Ich frage Ein-Fühler Ernest Bornemann, der mit seinem „Lexikon der Liebe“ eine Art „zurück zur harmonischen Natur“ gepredigt hatte.

Ernest Bornemann: „Gepredigt? Oh je, nein, ich doch nicht. Gepredigt wurde aus Kirchen, von Ämtern, durch etliche Familientherapeuten, dass dem Mensch seine Sünde verboten ist. Sünde war, wonach der Mensch Sehnsucht hatte. Das Verbot machte es besonders reizvoll. Stress war, was er dann durch Vorwürfe erdulden musste. Die Folge waren Krankheiten wie Eifersucht, und so mancher musste sich im eigenen Gewissen mit sexuell ausgefallenen, „bösen“ Wünschen herumschlagen. Wenn er Glück hatte, fand er einen Weg wie Sado/Maso, um den Stress auszuagieren.

Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Aber schon vor 2098 war doch das schematische Konzept von Gut und Böse durch die Neurobiologie aufgelöst worden.  

Ernest Bornemann: Ja, das gab den Anstoß für die Überwindung des schematischen Glaubens. Man hörte auf, einem Gott allerlei Launen und Gewalttätigkeiten zu unterstellen. Bibel, Koran, Thorah wurden zu wundersamen Märchenbüchern. Mütter und Väter erreichten endlich das Niveau ihrer Kinder, die Hänsel und Gretel lockern bewundern konnten, ohne da irgendwas zu glauben.

Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Für Kinder sind Anstand und Menschenrechte ganz natürlich. Was Kinder gar nicht wollen, ist Sex mit frustrierten Erwachsenen, die sie benutzen, gar missbrauchen. Das hörte auf, als der religiös befreite Mensch genüsslich polygam sein durfte, da konnten die Familien friedlich monogam (längere Zeit stabil, „fremd gehen“ störte nicht) gelingen, es gab kaum noch Scheidungen, und wenn doch mal, dann nur nach Zustimmung der Kinder. Das machte die Gesellschaft spürbar friedlicher. Aber wieso gelang das erst nach den verheerenden Klimakatastrophen? Pep Jinx, ihr Neurobiologen habt das doch selbst mit vorbereitet, könnt ihr uns das mal erklären?

Pep Jinx: Die Lobby der Pharmaindustrie hatte eine Massenvergabe von Neuro-Pharmaka durchgesetzt, die wurden verabreicht bei Streit in Familien, in Firmen, in Behörden. Da gab es immer gezieltere Implantate, ich meine so Kapseln die in die Körper eingesetzt wurden, mit Beruhigungsmitteln und Stromimpulsen an kritischen Neuronen.

Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Damit schien die Fürsorge der Familie technisch überholt zu sein – bis man merkte, das ging gründlich schief. Als neurobiologisch auch noch die ökologischen Warner politisch stillgelegt wurden, da lief alles aus dem Ruder: Wasser und Luft wurden ungenießbar, der Planet wurde immer heißer, es gab Stürme denen kein Haus standhalten konnte. Es gab ein Patchwork-Chaos, ein unkontrollierbares Durcheinander von Zerstörungen. Weltweit zerbrachen Familien. Bald kam es zu Milliarden Flüchtlingen. Es gab erbitterte Kämpfe jeder gegen jeden.

Pep Jinx: So war es ein paar Wochen. Aber weil alle total erschöpft waren, gab es bald kaum noch Gewalt, sondern viel Apathie, neurobiologisch eindeutig messbar. Die meisten Menschen überlebten es nicht, die Unmenge von Giften, Radioaktivität und Stürmen war einfach zu viel. Und wer überlebte, bekam kaum noch Kinder. Familien waren hilfloser als je zuvor in der Geschichte der Menschheit. Die Neurobiologie hatte kein Rezept.

Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Das war im Jahr 2100 global für jeden deutlich. Die Resignation war krass. Für Politiker gab es nur noch Verachtung. Aber dann! Saul Alinsky, ein Pionier der „Leidenschaft für den Nächsten“, erklärt uns die Wende.

Saul Alinsky: Der Durchbruch kam von der Basis. Die Verzweifelten suchten nach einer Identität. Die kam von einem ehemals gewalttätigen Islamist: Harun al Raschid. Eine Märchenfigur aus Tausendundeiner Nacht. Wiederauferstanden durch die Neurobiologie: Im Ernst, der moderne Harun hatte eine Kopie des alten Harun als Ein-Fühligem preiswert gekauft – und ahmte ihn nach, sehr geschickt. Er war ein Praktiker und er lernte schnell. Ich freue mich ihn hier zu sehen.

Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Genau, er nannte sich seit 2102 selbst Harun al Raschid. Er war Richter für die Scharia. Und er ist hier bei uns im Studio: Harun, was war dein Trick?

Harun al Raschid: Nix da Trick. Und Vorsicht bei Scharia, das war nicht mehr die grausame Justiz der Jahrhunderte zuvor. Ich machte es wie der alte Harun vor 1300 Jahren, der hatte von 786 bis 809 sein Kalifat in Teheran, der ging nachts in Kneipen und erfuhr dort die Untaten seiner Mitbürger. Das war besser als jeder Geheimdienst, der doch fast nur liefert, was seine Auftraggeber hören wollen.

Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Was sagten die Leute an der Basis zur Klimakatastrophe?

Harun al Raschid: Da musste ich niemand fragen, Ursache waren Gier und Lobby in den Industrieländern. Ich suchte also Kontakt zu den paar gottesfürchtigen Neurobiologen. Die erkannte ich daran, dass sie ihre Familie ernst nahmen. Und zur Basis, da hatte ich heimlich in einem Kurs beim Ein-Fühligen Saul gelernt, was Aktionen erfolgreich macht.

Saul Alinsky: Bei Aktionen aus Verzweiflung kommt es auf die Würde des Menschen, aller Menschen an. Jegliches Programm, das sich gegen Menschen richtet, sei es wegen Rasse, Religion oder sonst was, verstößt gegen die Würde des Menschen.

Harun al Raschid: So ist es und als ich sah, dass mit „weiter so“ meine Familie vernichtet würde, da musste ich mich total umkrempeln, denn nur so gab es eine Chance: Die Überlebensbedingung war eine Wiedervereinigung aller Religionen zur Religiosität: Radikal wurde alles weggeworfen, was die Religionen trennte, nämlich all die Willkür über einen launischen Gott, der helfen würde, die Feinde zu vernichten. Ich kenne keine Feinde. Wir sind eine große Familie. Wie frei wir endlich sind, spüren wir alle bei der munteren Erotik mitten in unserer Gesellschaft.

Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Das war ein langer Weg. War der Koran modern, weil schon da ein Mann da bis zu vier Frauen haben konnte?

Harun al Raschid: Ach woher. Es war sozial ungerecht. Kern jeder Gesellschaft ist eine Familie mit Geborgenheit. Das ist monogam, na ja in einer Großfamilie. Aber wer wen schwängert, ist doch egal – die meisten Paare hätten wegen den enormen Umweltgiften nach der Klimakatastrophe nie ein Kind, wenn man nicht den Sex in allen Varianten völlig frei gegeben hätte, sei es für einen Gast in der Familie, auf einer Party im Sportverein, oder wenn im PriesterInnen-Seminar eine schwanger wird, dann gibt es dort ein bacchantisches Freudenfest.

Pep Jinx: Ja schon, aber Vorsicht, da gab es doch früher Varianten, an die heute keiner mehr denkt, etwa sexuelle Gewalt aller Art gegen Kinder.
Harun al Raschid: Na spür mal, solche verrückten Formen von Gewalt sind längst vorbei. Jeder kann heute ohne Gewalt seine sexuellen Phantasien rein spielerisch austoben. Und keiner haut bei Sado/Maso kräftig zu – er würde sich schämen.

Saul Alinsky: Alles was Kinder selber gerne mögen, ist erotisch ok. Das ist so gut wie niemals schon richtiger Sex. Aber Kinder wollten schon immer viel Zuwendung von den Erwachsenen.

Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Zuwendung ist das Zauberwort. Dafür war Zeit, nachdem die Automation über 90 Prozent der Arbeit übernommen hatte. Da bekam jeder sein Grundeinkommen. Schon vor der Klimakatastrophe von 2098 wurden nervöse Familien ganz natürlich liebevoll.

Pep Jinx: Zuwendung ist das Gegenteil von Abschreckung. Mit Zuwendung begann der Abrüstungswettlauf.

Saul Alinsky: Im Chaos 2098 gab es einen Rückfall, aber tief innen wusste jeder: Gewalt ist keine Lösung. Nur als eine große harmonische Familie können wir Menschen überleben.

Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Das können wir alle hier spüren und ebenso all die Millionen Zu-Spürer unseres Senders, die wiederum ihre Gefühle kräftig zu uns zurück senden. Wir wollen das jetzt genießen, in gemeinsamer, stiller Meditation.

Alle, im Studio und draußen, versanken im neurobiologisch vermittelten Duft von Bienenwachskerzen. Mit genüsslicher Wucht traf sie die virtuelle, perfekt gedämpfte Glut eines Vulkans aus Planet Venus. Fein automatisierte Ganzkörpermassagen ließen keinen einzigen Muskel aus, alles geschah mit minimaler Energie. So gestaltete der innere Frieden mit kriegerischer Kraft eine transfamiliäre Geborgenheit.


@ Philipp Sonntag 2020
Zurück zum Seiteninhalt