von Philipp Sonntag | Schriftsteller
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Gerichtsverhandlung während Urknall
 
Zeitmaschinennavigator Phila (Im ersten Heft des Magazins „Sperling“, Hrsg. Robert Zobel, Thema des ersten Heftes: „Planeten“, Engelsdorfer Verlag, 2005, Beitrag „Planetenfräse S. 175-184)

Dies ist der authentische Bericht zur „Planetenfräse“, über eine Gerichtsverhandlung der körperlosen Heavynauten, die heute im schwarzen Loch WWhhtt zu Hause sind. Die Übertragung in eine planetarische Sprache soll Emotionen und Rollen veranschaulichen: So bedeutet „Gesicht“ im Schwarzen Loch WWhhtt, dass jeder Heavynaut die Emotionen aller anderen unmittelbar erkennen kann. „Staatsanwalt“ ist ein spontanokratischer Heavynaut, der die Rolle des Anklägers übernommen hat.

Der Gerichtssaal der Heavynauten war in unermesslich gleißende Lichtfülle gehüllt, wie es kein biologisch verletzliches Auge jemals aushalten könnte. Gedanken wurden telepathisch auf einer Mitfühl-Hotline ausgetauscht.

„Gibt es tatsächlich so was abgefahren Flippsiges wie einen Planeten?“

Die Frage des Geschworenen Tssing brachte Richter Plonnk nicht aus der Fassung: „Ja!“

„Und man kann einen Planeten beschädigen?“

„Ja, und der Angeklagte hat das getan. Unklar ist nur die Schuldfrage.“

Der Angeklagte Kränng verzog spöttisch sein Gesicht.

Richter Plonnk sandte einen kinetischen Impuls zum Dimmer und ließ so den Eindruck des Lichtes auf die Heavynauten zu einer kühlen Arbeitsstimmung abflauen. Trans-kristalline Klarheit machte sich in den Gemütern breit, und doch schwebten Animositäten im Zeitraumgefüge. Kränng wirkte trotzig, zerknirscht, unruhig: „Was hat das alles mit meiner Schuld zu tun? Neuerdings werden Unfälle bestraft, ich habe doch nicht vorsätzlich einen Planeten zerstört.“

Richter Plonnk zu Staatsanwalt Tuifun: „Erhebe die Anklage!“

Tuifun: „Kränng hat ein Mikro-Schwarzes Loch mit einem magnetischen Handschuh hin und her bugsiert und es weit draußen im Weltzeitraum spielerisch in schleifen-zeitliche Vibrationen gebracht. Es ist ihm dann ausgekommen und es hat einen Planeten „Erde“ in einer Mikrosekunde als eine rabiate Fräse durchquert, mitten hindurch. Das hat etliche Gefühle von sogenannten „Lebewesen“ auf dem Planet verletzt.“
Der Geschworene Tssing rätselte: „Wie kann das sein? Wie kommt jemand, der seine Gefühle im Griff hat, auf die Idee, sich an eine so windige Planeten-Materie zu klammern?“

Plonnk erklärte: „Im Vergleich zum sonstigen Weltraum ist so ein Planet massiv.“

Tssing: „Wie denn, und wann? Kann ich eine Übersicht von so exotischen Aufenthaltsorten haben?“

Plonnk überlegte, dann: „Schon mal was von Urknall gehört?“

Tssing: „Ach, hier in unserer Gegend?“

Plonnk hatte die Übersicht parat: „Ok, es gibt viele Welten, für uns genügt ein kleiner Auszug zur Veranschaulichung. Den Typ des geschädigten Planeten finden wir in der Skala unter 4.5.3.6“:

Die links stehenden Zahlen verzeichnen Kategorien der Aufenthaltsorte für geistige Wesen:

-n. Im „vor und bei“ einer Idee der Ideenformung (ohne wissenschaftliche Grundlage)
-8.  Bei Ideenformung in Richtung des Seinshaften
-2. An Ideen von Reihenfolgen, mit Begrenzung auf angewandte Logik des Ursächlichen
-1. Inmitten von Logiklogistik für eine Vorstellungsformung von Urknallereien
-0.3 Vor bis und nahe bei Urknallereien
-0.2 Im Zuge der Provozierung einer Entwirrung von Zeit-Knäueln
-0.015 In aktiver Wechselwirkung mit der Konzeptbildung für einen „Anfang“
-0.007 In der aktiven Verschleierung des Anfangs

0 Nicht vor und nicht nach dem Urknall

+0 Es ist Nullkomma nix da, durch Null wird geteilt | Alles ist im Überfluss da. Das ging so:  In in sich geschlossener Sehnlichkeit nach Existenzoptionalismizitäten gab es etliche urtümlich herumlungernde Nullen, bis ein ursprungsloser Null- und Nichtiger all das nicht vorhandene „munter“ durch das Systemaggregat der Nullen teilte, in welchem sich formenden Moment die noch etwas taumelige Heisenbergsche Unschärferelation den Urnullknall tolerierte, nicht zuletzt um selbst richtig loslegen zu können.

0.000123   Am scheinbaren Anfang des Urknalls
0.11 In den Anfänglichkeiten des Urknalls
0.12 Bei Verteilung von Materie, ANTImaterie und ITNAmaterie

Hier unterbrach Tssing: „Das legendäre ITNA?“

Plonnk: „Genau, das hat mit unserem Fall zu tun. ITNA, eine weitere Umkehrung von ANTI, hat umgekehrt gerichtete Schwerkraft. Ein UFO, das je zur Hälfte aus Materie und ITNA besteht, kann zwar viel Masse haben, aber Gewicht und Trägheit sind nahezu Null, zumindest bei nahezu gelungener Gleichverteilung im UFO. Daher braucht man für den Antrieb fast keine Energie. Aaaber Vorsicht - ITNA verstärkt Zu- und Abneigung, und man vermeidet drogenartige Chaosgefühle (wie sie auf Planet Erde verbreitet sind) nur durch Beschränkung auf homöopathisch klitzekleinste Mengen von ITNA. Aber schauen wir weiter.“  

0.16   In der Galaxienformung
0.18   Bei Zusammenballungen

1. In Schwarzen Löchern

2. In Sonnen
2.1 Im Sonnenmittelpunkt
2.8 Am Zeitgefüge einer Supernova

3. Bei künstlichen Planeten und Monden

4. Bei natürlichen Planeten und Monden
4.1 Im Plasma eines heißen, schweren Planeten
4.2 Im Gasplaneten
4.3 Auf oder in flüssigen Planeten
4.4 An oder in festen Planeten
4.4.1 Im Zentrum fester Planeten
4.5 Auf oder in Planeten mit gemischten Zuständen
4.5.2 Zwischen Zentrum und Oberfläche
4.5.3 An der Oberfläche oder nahe dran
4.5.3.6 An der Oberfläche eines festen Planeten, mit Energieaufnahme von Sonne(n), was zu einem unruhigen Klima führt – Beispiel Erde
4.8.4.8 Auf Planeten die um eine schon lange erkaltete Sonne kreisen und auf Supraleitungstemperatur sind

7.4 In unmateriellen Welten

8.3 Auf kausalitäts-entfremdeten Welten

9.2 An virtuell nicht strukturierbaren Welten

Tssing sah immer noch fragend aus.

Plonnk präzisierte: „Na ja, und so weiter über 10. bis hin zu Kategorie 14.9, da kennt Ihr ja das meiste. Geistige Wesen, ganz normal ohne Körper, sind unzerstörbar und besuchen gerne alle genannten Kategorien. Sie werden in keinem Fall durch eine Fräse geschädigt. Sie können aber sich selbst schädigen, aus Langeweile.

Tssing: Ach ja, in der Schule gelernt: Wenn jemand mutwillig seinen Ursprung verdrängt und sich einem „Es spürt sich was“ ausliefert, dann kann die KN, die künstliche Nervosität so künstlich sein, dass sie einen Urknall auslöst. Dann ist er eine echte Null, und wenn er vor Schreck – sei es auch nur etwas was auch nicht so richtig da ist – durch sich selbst, also quasi durch Null teilt, dann kann das `ne gute Show werden.

Plonnk: Na schön, aber ich unterbreche die Sitzung jetzt nicht, es macht es sogar einfacher, denn da kann ja jeder so nebenbei etwas Hinfühlen, und da löst sich das Problem von alleine, stimmt`s Kränng?
Kränng: Stimmt! Da habe ich mich selbst zu ein paar Milliarden Jahren „Gefängnis“ verurteilt. Bis Lebewesen da sind und ihre – unnötigen – Leiden überwinden.

Plonnk: Schon ok, oder ich meine besser wäre, du hilfst den „Lebewesen“ zwischen aufeinanderfolgenden Leben, sich etwas von der zwanghaften Ankopplung an Materie zu lösen?

Kränng: Materie?

Tssing: Gemeint ist doch diese Biomaterie, deren „Es fühlt sich was“ arg außer Kontrolle geraten ist.

Plonnk: Ja, da gibt es mehr als einen Typ, als ein KI, künstliches Ich, gestörte Seele, auf so einem Planeten.

Kränng: Ich sehe, gerade weil es mehrere, ja sogar Milliarden sind, wurde deren Streit fest, allzu unbeweglich.

Plonnk: Das copy/paste bei Seelen kann ausarten wie der Urknall für Materie.

Kränng: Ach so. Na, dann habe ich ja eine Menge zu tun.

Plonnk: Alles klar, ich schließe die Sitzung.

@ Philipp Sonntag 2020
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