Herzklopfrhythmen 3010 - Soziologie mit Kafka

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Herzklopfrhythmen (Talkshow 3010)


Talkshow, gesendet am 1. 4. 3010, früh um 7 Uhr, in ARD (Allgemeine Roboter Demokratie), aufgenommen im M7, dem künstlichen Mond Nummer sieben am Planet Erde.

Aline vom Genotüm, Moderatorin
Dr. med. Nebelzisch
Jacko
Gaspard
Schnucki













Copyright by Sabine Kaemmel (www.sabine-kaemmel.de)

Aline: Ich begrüße historische Gestalten aus Vergangenheit, Zukunft und Jenseits, sowie zeitnahe Mischwesen aus Lebewesen und Robotern. Wir wollen das an Tieren so locker beobachtbare Phänomen des Herzklopfens erörtern. Das hat nämlich mit Gemüt und Identität zu tun, also mit: „Wer sind wir eigentlich?" Mit: „Was können, was sollen, was wollen wir tun?" In der letzten Sendung, mit diesem Professor Immanuel Kant, kam ja raus, dass wir heute noch nicht viel weiter sind, als damals vor über tausend Jahren. Gemüt, spüren – dafür haben wir einen Kardiologen, Herrn Dr. med. Nebelzisch, aus dem Jahr 2010 gekidnapped, er ist geradezu noch „natürlich", will sagen zu fast hundert Prozent „Mensch". Wir haben ihm, reine Routine, ein paar Pillen verpasst, Valium, klingt wie „wertvoll", und „Neuroleptika", einfach aus seinen eigenen Schubladen mitgenommen, die Dosis war wohl etwas großzügig – was sein Herzrumpeln nach dem Kidnapping nur noch weiter verstärkt hat. Aber die früheren Menschen waren doch hart, konnten viel vertragen – oder?

Dr. med. Nebelzisch: Das Zeug ist doch für Patienten. Ich protestiere gegen den Eingriff in meine Identitätssphäre! Ich will meine homöopathischen Herztropfen. Wann kann ich wieder zurück in meine Klinik?

Aline: Nach der Sendung. Die Kausalität wird locker eingehalten, weil kein Mensch Ihnen glauben würde, was Sie hier gesehen haben. Also Vorsicht, sie kämen rumsbums in die eigene Klapsmühle. Aber Herr Doktor med., wozu Pillen, wenn die das Herzrumpeln gar nicht beseitigen, trotz einer Pferdedosis?

Dr. med. Nebelzisch: Weil ich kein Pferd bin. Und weil mein Herz Privatsache ist.

Aline: Was heißt da „Privatsache"? Ein egomanischer Trip? Gab es da nicht früher mal so eine Idee von dieser sogenannten romantischen „Liebe"?

Dr. med. Nebelzisch:
Ja, es gibt bei uns Emotionen, Zuneigung, Liebe mit Herzklopfen.
Aline: Äußerst vage Begriffe. Woher die wohl kommen? Ich frage Alien Jacko, einen Menschheitsforscher, der so gerne von „seinen Kindern" spricht.

Jacko: Ein „Ich", also die Identitätsformung von Gemütsmodulen gelingt – oder misslingt – je nach Planet völlig unterschiedlich. Auf Planet Erde war zuletzt der Lebendigkeitsneid die treibende Kraft der Evolution. Zunächst in Bäumen formten sich in etlichen Millionen Jahren seelische Sehnsuchtsmodule. Diese Module absolvierten danach in Tieren ihr Horrortraining zur Entwicklung von starkem Wollen. Pflanzen protestieren, für sie sind Tiere abgrundtief blattrünstig. Noch krasser der Mensch, ein Funktionalist, der all den anderen Lebewesen geradezu industriell verwertend gegenüber stand.

Gaspard: Gab es nicht auch den Gemütsmenschen?

Aline: Ist doch derselbe! Nur andere Szene. Ich begrüße in der Runde Engel Gaspard. Er ist – ohne eigenen Körper, aber mit viel geistiger Stärke – über einen hochsensiblen Flip-Flop Kippschalter an unsere Talkshow angebunden. Indem er ein paar klitzekleine Elektrönchen bewegt, springt die Schaltung an und verstärkt die Engelsgedanken. .

Gaspard: Wenn sich zwei Liebende anmachen, mit echtem Herzklopfen, dann spüre ich gerne mit.  Da empfinde ich dann meinen Lebendigkeitsneid so stark, wie die Bionischen Roboter. Das gebe ich dann zurück. Dabei habe ich jede Menge Power, und ich mag den beiden meine Wunschträume so richtig hinströmen. Dadurch verstärkt sich der Sex zur Ekstase. Dem Embryo verpasse ich mein eigenes Ich, mit Copy/Paste. Kommt gut an, echt aufregend für die beiden beim Sex. Danach gibt es mich eben zweimal. Meine Ichs haben sich dran gewöhnt, jedes einzelne Ich erinnert sich an mein frühestes Ich.

Aline: Ja, wenn da Früheres aufgewühlt wird, also die Herzen klopfen da zum Zerspringen. So was macht die Menschen ganz schön verrückt.

Jacko: Na und wie! Das hält nicht jeder Mensch aus, ähnlich wie so ein Motor der klopft, weil er unrund läuft. Der Mensch war wohl im Urwald gut angepasst, aber in jeglicher Gesellschaft  ist er im Stress und störungsanfällig, was man am Herzen so gut messen kann.

Aline: Was  mir Sorgen macht, die genetisch veränderten Herzen laufen besonders unrund. Unsere Software Expertin, Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat, kann uns das sicher erläutern.

Schnucki: Na ja, die leistungsorientierten Gene aus der groben Evolution machen uns nervös. So wie da das Blut in Adern und Venen herumströmt, haben wir dieses irritierbare Herzklopfen. Allerdings, unsere feine Gentechnik murkst nicht wenig am Blutkreislauf herum – wie wir die Programmieren sollen, dazu fehlen und noch viele Gemütsdaten.

Aline: Der nervöse Blutkreislauf wäre doch ohne diese wehmütige Natürlichkeitsmanie schon längst überwunden. Wozu soll das gut sein?

Gaspard: Der Mensch war wenigstens gewarnt und alarmiert, wenn etwas schief lief. Leider war man in einer Sackgasse, indem man dieses Symptom medizinisch behandelte, anstatt die Gesellschaft erträglicher zu machen.

Aline: War denn die Gesellschaft stur gegen Veränderung?

Schnucki: Ja sicher, und zwar ziemlich penetrant mit dem Prinzip: In irritatione pro institutione. Bekannt war: „In dubio pro reo", im Zweifel für den Angeklagten. Da war das römische Strafrecht ein Fortschritt. Aber die Behörden, als typische Bedenkenträger, machten draus: Wenn irgendein Zweifel erkennbar ist, dann wird bürokratisch das Gewohnte gemacht – und sonst gar nichts.

Aline: Genau, das Alte „In der Irritation, in der Verwirrung verteidigt man stur den eigenen Standpunkt."

Jacko: Wie bei dieser übertriebenen Wissenschaftlichkeit. Bei Überdosis wird die Gesellschaft krank.

Schnucki: Stimmt. Jetzt können wir den Herzklopfrhythmen so eine Art Dixieland-Wellness verpassen.

Dr. med. Nebelzisch: Klingt interessant. Wenn das Patent jetzt erst gilt, kann ich doch eine Kopie problemlos in die Vergangenheit mitnehmen, ist doch sozial und macht uns richtig Spaß.

Aline: Nichts da. Erst Ursache, dann Wirkung. Die Kausalitätszensur ist da humorlos.

Gaspard: Für angenehmes Herzklopfen braucht man so was nicht.

Jacko: Herzklopfige Ekstasen sind doch was Feines. Nur was sie bedeuten, ändert sich alle hundert Jahre.

Aline: Wieso?

Jacko: Na im Mittelalter, offiziell bis zum Jahr 2.700, da gab es verstärktes Herzklopfen, wenn man betrügt, und ebenso, wenn man eine Befreiung von Betrug erreicht. Niemand käme heute auf die umständliche Idee, jemand zu betrügen, jeder hat, was er braucht.

Dr. med. Nebelzisch: Na toll – und doch, ein vielversprechendes Herzklopfen gibt es bei uns auch wenn man heiratet. Nur – das Herzklopfen ist leider keine verlässliche Prognose für eine Ehe.

Schnucki: Genau, weder im Streit, noch bei Verliebtheit. Ja, das gefällt mir. Das muss schön aufregend, anregend gewesen sein damals.

Dr. med. Nebelzisch: Jemand wie Sie käme da bestimmt gut zurecht – trotz irrem Stress – in praktisch jeder Ehe.

Aline: Wahnsinn, ein Horror-Trip. Von heute aus rückwärts geschaut waren wir doch im Jahr 2000 immer noch im finsteren Mittelalter.

Schnucki: Schon seit dem Jahr 2.700 regen sich meine Mischwesen lieber kontrolliert auf, nicht so wie im drastischen Mittelalter. Ich hab Mischwesen sowohl genetisch in der brainware, als auch in den angekoppelten Chips programmiert. Es funzt. Die Typen sind sogar bis zu dreißig Prozent chip-gesteuert, handwerklich eben teils Roboter, aber doch noch überwiegend Mensch, oder Delfin, ein intelligentes Vögelchen – und diese Mischwesen verlieben sich, echt, mit sanft kontrolliertem Herzklopfen.

Jacko: Könnte man alles perfekt vorausberechnen, dann gäbe es kein aufgeregtes Herzklopfen mehr. Es wäre eine lasche, stagnierende Gesellschaft. Man würde eine Milliarde Jahre Evolution wegwerfen. Freilich, aushalten könnte ich selbst diese früheren Unsicherheiten und Gefahren überhaupt nicht.

Aline: Wohin geht die Evolution?

Schnucki: Früher hatte man Angst vor einer „herzlosen" Gesellschaft. Ich meine, die „motorlose" Gesellschaft wäre ebenso schlimm. Was für ein Chaos, in dem der veredelte Herzschrittmacher nicht mehr besänftigen könnte.

Gaspard: Also, ob es da noch lange beseelte Mischwesen geben wird, bezweifle ich. Wir gefallenen Engel und aufgestiegenen Dämonen haben ein mulmiges Gefühl bei solchen mit Wissenschaftlichkeit manipulierten Körpern.

Aline: Ich dachte, die Erotik zieht euch einfach rein ins Leben?

Gaspard: Leben heißt Herzklopfen. Da sage bitte keiner, wir wären herzlos. Nur –  diese Mischformen von neuen Herzen mit biogenetischen Motoren, da sind wir unsicher.

Jacko: Es war doch Jahrmillionen viel schlimmer. Ohne Herzklopfen aus Angst und Freude wäre kein Raubtier, auch kein Mensch so wunderbar unvernünftig gewesen, eine derart gigantische Evolution zu provozieren.

Dr. med. Nebelzisch: Mir reicht’s. Ich will meine homöopathischen Herztropfen.

Aline: Was, wie denn? Die Menschen im Mittelalter mussten doch viel mehr aushalten, als heute. Ihre Herzen wurden damals zum Zerreißen gespannt.

Schnucki: Ja, das war furchtbar. Wie gut, dass wir heute dem Paradies näher sind als je zuvor, das habe ich selbst so programmiert.

Jacko: Es sind umprogrammierte Raubtier-Gene, das ist kein Zuckerschlecken.  

Aline: Gaspard, bitte einfach mal hinspüren, wer ist mehr Raubtier, der gekidnappte Herr Doktor, oder unsere zeitnahe Schnucki?

Jacko: Na also, unsere liebreizende Schnucki ist doch viel friedlicher als alles früher, nur so konnten wir die sich fast selbst vernichtende, aggressive Evolution noch abfangen: Gewalt, vor allem Krieg war doch Jahrtausende lang außer Kontrolle, es gab am Ende sogar Unmengen von Atombomben. Aber es war zugleich eine extrem lebendige Zeit. Ich finde unseren gekidnappten Herrn Doktor wahnsinnig aufregend, das hab’ ich schon lange nicht mehr so stark gespürt – oh, das geht wohl nicht nur mir so.

Schnucki und Dr. med. Nebelzisch schauen sich verliebt an, tiefes atmen ist zu hören, sie gehen aufeinander zu, werfen Kleidungsstücke nach allen Seiten ...

Aline: Oh, im Namen der ARD, wir müssen nun schließen. Ich danke den Teilnehmern der Runde –  ich bin sicher auch im Namen der Zuschauer – für ihre Ideen und ihre starken Anregungen.

 
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