von Philipp Sonntag | Schriftsteller
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Lebendigkeitsneid (Talkshow 2035)
 
Dunkler Raum, fünf Gestalten, etwas kleiner als erwachsene Menschen, schauen auf einen Laptop-Bildschirm.

Flüstern:

„Du – hast das heimlich aufgenommen?“

„Ja, so wie die heimlich über uns reden.“

„Über wen sonst? War doch Elternabend.“

„Na und? Dem Chef von meinem Vater könnte ich auch was erzählen – und mein Vater würde das sofort abhören – wenn er könnte.“

„Dann wüsste dein Vater, warum er morgen ohne Job da steht.“

„So ein Schnelles raus aus der Schule schaffen wir leider nicht.“

„Jetzt hört doch erst mal zu!“

„Also jetzt. Sch!“

Zehn Ohren wurden spitzer. Leises knacken, dann:

Jo, postpsychologischer Moderator, Elternvorstand:  „Ich begrüße Sie, als Eltern der Kinder von Klasse 5b unseres Gymnasiums. Gut, dass ein paar von ihnen beim Elternabend wenigstens einmal im Jahr, hier mitsamt Körper im selben Raum sitzen. Diesen Luxus bieten wir unseren Schülern zweimal in der Woche, Das nutzen natürlich nur die 15 Schüler aus Berlin. Verkehr ist eben out, seitdem das Klima spinnt. Deshalb an den Bildschirmen – hier – begrüße ich einige Eltern von den anderen knapp 3.000 Schülern der Klasse, die global und virtuell bei manchen Schultagen zugeschaltet werden. Unser Dienstleistungs-Exportschlager.“

Viele Stimmen: „Hallo!“ und allerlei unverständliche Silben.

Jo: „Ich freue mich heute noch einen Experten zuschalten zu können, ich begrüße Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat, Programmierer der aktuellen Haushaltungsroboter, die den Kindern Anstand und Bescheidenheit beibringen – seine Spezialität jedoch sind die Innovations-Aufputsch-Programme für die begabten und interessierten Kinder.“

Schnucki: „Hallo, was immer sie als Eltern wissen wollen, alles kein Geheimnis.“

Ben, Vater aus Steglitz: „Da habe ich gleich eine Frage, können wir Eltern diese Cyber-Anzüge zum Tasten und Fühlen ausprobieren, fürs virtuelle Intensiv-Leben?“

Berta, Mutter aus Mitte: „So richtig mit anonymisiertem Sex?“

Schnucki: „Quatsch, das ist fürs Begegnen mit Cyber-Telepräsenz. Na ja, schon auch mal zum Umarmen und mehr, gibt soziale Telenähe gezielt mit jungen Schülern im Ausland.“

Berta: „Und da weiß man nicht mit wem ...?“

Schnucki: „Na den Avatar kennt man, die Robopuppen sind animiert – bewegen sich wie der eben gerade ausgewählte Schüler im Ausland.“

Ben: „Und macht das, dass es diese Ausländerfeindlichkeit kaum noch gibt?“

Jo: „Ja sicher, das fing mit den Migranten an – als das funzte, dann global.“

Ben: „Und das wird immer weiter entwickelt?“

Schnucki: „Sowieso, die Aktion geht inzwischen zeitverschoben, kombiniert aus verschiedenen Zeitpunkten der Teilnehmer. Selber probieren bitte nachher in der Pause. Aber für die Begegnungsspeicher der Schüler gilt Datenschutz. Da müssen Sie sich schon selbst einbringen, wie im cbt.“

Berta: „Cbt?“

Schnucki: „Na das uralte computer based training: Ein Beispiel ihrer Schüler ist Mathe zum Bau einer Windmühle aus Kaffeedosen. Später übt die Abiturklasse an ihren Gen-Variationen des ökologischen Dackels.“
Zenzi, bayrisches Viertel: „Der frisst dann statt Weißwürsten lieber parfümiertes Sägemehl?“

Jo: „Macht er. So was bringen Schüler auf die Reihe. Unsere Sorge sind die Schultage ohne KE, die künstliche Emotion. Läuft öfters aus dem Ruder. Randale am Ende. Das kann an einer verzerrt natürlichen Emotion in der Familie liegen.“

Berta: „Fiel mir auch auf, Wohnzimmer in Trümmern. Passiert nur an KE-freien-Schultagen, liegt also nicht an uns, wir sind mehr Patch als Familie. Wir machen in Harmonie, bis einer nervös wird, dann gibt es unser Ausagieren, Teller fliegen durch die Luft, wir schreien – aber wir sprechen dabei keine Worte – nur ja kein Streit.“

Jo: „Streit wäre aber Leidenschaft, das käme an. Ohne Streit, das ist lieblos, da kriegen die Kinder nie Geborgenheit, sie sind selber nirgends zu Hause.“

Zenzi: „Wieso, ich zahl‘ doch für Ganztagsschule, mitsamt fünf Nächten in der Woche.“

Schnucki: „Ohne Identität ist keiner da, der sortiert. Das Programm ergänzt doch nur, stärkt nur das, was schon da ist“

Berta: „Und wenn nichts da ist?“

Jo: „Selbstständig werden nur die Schüler, die früh viel Wohlwollen gefunden haben, in Familie, oder Hort, Schule, sonst wo. Wobei sich Lehrer heute als Partner verstehen.“

Ben: „Die vom Programm umgeschulten Lehrer sind nicht die Schlechtesten.“

Schnucki: „Wenn ihnen die Schüler genug beigebracht haben.“

Ben: „Weil die nämlich den Analphabit nicht ertragen haben.“

Jo: „Seitdem die Schüler so Computersprachen als gleichwertig am Sprach-Schultag wählen konnten, sind alle Natursprachen außer Englisch und Esperanto fast verschwunden. Aliens bevorzugen Esperanto. “

Zenzi: „Ich hab‘ mal gehört, so Sprachkonserven für Wehmütige sind noch da.“

Ben: „Wie denn, Latein ohne Lateinlehrer?“

Jo: „Sind Schnupperkurse für Übereifrige. Normal, um alte Kultur kennen zu lernen, da reicht doch so was wie Asterix.“

Berta: „Und wieso gibt es da noch den guten, alten Musikunterricht?“

Schnucki: „Das ist der gute neue: Bach war das erste Software Genie, die Orgel der erste wohltemperierte Computer. Kann jeder gleich hören, pädagogisch super.“

Ben: „Und das mit dem online Konzert klappt?“

Jo: „Und wie! Wir hatten schon bis zu 323 Schüler, reicht für ein Orchester. Soviel Platz in einem Schulraum hätte eh keine Schule mehr.“

Ben: „Telepräsenz.“

Schnucki: „Genau. Die Schüler nehmen einfach den Cyber-Anzug von Nintendo mit dem neuen Kung-Fu-Ballet; das animiert übrigens bestens zur Bewegung, gegen Verfettung.“

Berta: „Die Realität da draußen ist sowieso trostlos, ganze Städte in grauem Schlick, Sonne zu grell, dazu vom Auspuff gepfurzte Luft zum Atmen.“

Jo: „Ohne Cyber-Anzüge würde die Jugend rebellieren.“

Berta: „Ich auch.“

Hier knackte es im Gerät, die Schüler wurden unruhig.

„Nee, weiter is nich. Batterie war alle.“

„Mist.“

„Ich sag’s Euch, lieber alles kurz und klein hauen, als weiter so ein Anpassungstraining.“

„Und dann wohin? Agrar, Industrie, alles ist unterirdisch, knallhart abgesichert, geht nicht anders.“

„Wir kriegen doch bald den 5. Schultag für Sozialbetreuung.“

„Ja, aber expandieren geht heute nach Innen. Die tools dafür wurden erst mal teuer programmiert auf „virtuell liebevoll“, dann vor Ort von phantasiearmen Gehilfen lieblos angepasst – das sind immer noch Menschen, so Verwaltungstypen halt. Keiner redet mit uns, nicht mal mit Kleinkindern, auch nicht mit Älteren, oder Behinderten, mit Minderheiten aller Art.“

„Wenn mal einer aufmuckt, gab’s früher  Pharmaka – die beruhigten vielfach sogar die Betreuer und Lehrer.“

„Was, die nahmen das auch?“

„Die wissen, dass sie auffallen, sobald sie nicht ganz ruhig sind und Ruhe nach oben melden.“

„Und wer von uns kommt durch und schafft die innovativen Computerprogramme?“

„Wie seit Jahrtausenden, Kinder von Privilegierten – soweit die in der Kindheit liebevoll versorgt wurden.“

„Von den Eltern?“

„Von teuren Betreuungsrobotern. Eltern dürfen ein Bisschen mitmischen, solange sie keine zu groben Fehler machen.“

„Mich regt das auf. Solche bevorzugten Schüler, die konkurrieren unfair mit mir, machen mich nervös.“

„Für dich gibt’s die Einfühl-Robots. Die ziehen deinen Hass auf sich.“

„Wie soll das gehen?“

„Hab ich gehackt. Denen hat man ihren Lebendigkeitsneid gedämpft. Sie geben Genuss ohne Anstrengung. So betäuben sie deinen Willen.“

„Und damit meine Lebendigkeit.“

„Das hängt ganz von dir ab.“

„Ausgerechnet von mir.“

„Jeder kann es schaffen, das war früher anders. Aber die Romane früher –  da hatten Typen wie wir real zu kämpfen, richtiges Risiko, nicht fast alles nur virtuell.“

„Ja ich weiß nicht, irgendwas fehlt da ... na, es fühlt sich an wie Heimweh nach ich weiß nicht was, ah ja, ich sag Mal ich spür’ einen virtuellen Lebendigkeitsneid.“


@ Philipp Sonntag 2020
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