von Philipp Sonntag | Schriftsteller
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Vorstufe von Zivilisation (Talkshow 2218)
 
Talkshow am 27.6.2218 im Rundumfunk aller Lebewesen

Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Ich begrüße unsere Diskussionsteilnehmer und Zuhörer zum Thema der Lebensrechte. Die sind schwach, denn noch stecken die  Menschen in einer Vorstufe von Zivilisation. Ich beginne mit Prof. Dr. phil Gatnnos, in seiner natürlichen Identität Profundus Philipp Gatnnos, und frage: Wie könnten die Menschenrechte zu Lebensrechten erweitert werden?

Prof.: Es begann mit Erich Kästner: Quäle nie ein Tier zum Scherz denn es fühlt wie du den Schmerz
und als dann diese Geflissenschaftler – oder wie heißen die – na also als die rausfanden, dass jede Ameise ein eigenes Gesicht hat und individuelle Charakterzüge zeigt, da spürten sogar Menschen, dass man den Rechtsstaat nicht mehr so ungerecht lassen sollte.

Al: Und doch hat es noch Jahrzehnte gedauert. Gesicht zeigen genügte noch nicht. R.O.R.A., unser „Roboter als Ordentlicher Rechts-Anwalt“, was musste noch dazu kommen?

RORA: Als wir Roboter endlich nicht nur Schach und GO spielten, sondern die Prüfung zum Rechtsanwalt bestanden, da wurden uns Menschenrechte verweigert, mit dem Argument, wir seien keine Menschen, wir würden nichts spüren.

AL: Der Durchbruch kam mit RORE, das Hybrid von Roboter und Regenwurm.

RORA: Ja klar, RORE war hochintelligent und hatte das ES, das Elementare Spüren: Der Regenwurm wurde mit Mikrosystemtechnik an den Roboter angekoppelt und also gezwickt und er zuckte zusammen, wenn der Roboter ihm eine Warnungsmeldung verpasste, zum Beispiel ihn auf Insektengifte hinwies. Der Regenwurm alarmierte dann zurück wo es besonders zwickte. Das Hybrid RORE hatte somit juristisch die NI, die Natürliche Identität.

AL: Das galt dann umso mehr für eine Kopplung mit feinfühligeren Tieren, ja bald auch für Pflanzen, beide konnten vor Gericht „Gesicht zeigen“. Was sagt man denn dazu, ich frage einen noch menschlichen Jurist, unseren Dr. jur. Helmut Juhu.

Juhu: Die Gerichte waren plötzlich bundesverfassungslos, es musste was passieren. Wo der Mensch sein wahres Gesicht zeigt, da ist er ja sowas von künstlich – so schlimm kann das allenfalls einem edel parfümierten Pudel passieren, vielleicht noch einer Amsel, die Opern nach-trällert, aber sonst sind Tiere rundum natürlich. Der Roboter mit hoher künstlicher Intelligenz musste nur munter an ein Lebewesen zugeschaltet werden, das Resultat war Gesicht zeigen auf hoher Stufe.

Al: Ja, und hier ist das ROHY, das Hybrid, und mit seinen bio-neurologischen Kontakten können längst viele Tiere angekoppelt werden, was ist es denn heute?

ROHY: Was sind es denn heute? Schaut mal auf den Bildschirm, da zeige ich gerade vier Gesichter. Ich habe heute früh aktive Kontakte zu einer Heuschrecke, einer Krabbe, über Funk zu einer Schwalbe und zu ein paar Bakterien, die wegen Datenschutz nicht erkannt werden möchten – auf dem großen Bildschirm sind ale vier gleich groß und ohne Scham nackt, nur die Bakterien haben sich so eine Art Schleier umgehängt.

AL: Und wie vertragt ihr fünf euch miteinander?

ROHY: Wir haben uns angefreundet, das zeigen doch unsere entspannten Gesichter.

AL: Und es reizt die Bakterien nicht, mal so einen Überfall …?

ROHY: Ach woher, ich füttere sie mit KF, mit künstlichem Fleisch aus dem Bio-Labor.  Dazu passt mein ehrlich fürsorgliches Gesicht. Da sind die Bakterien sofort begeistert.

Prof.: Höchste Zeit, ich meine der ganze Planet Erde zeigte doch den Aliens, die gelegentlich vorbeikamen, diese grausame Gewalt. Wie unzivilisiert: Fressen ist ja ganz nett, mit feinen Gewürzen und so, aber gefressen werden, oft roh bei lebendigem Leibe, was für ein Horror!

RORA: Erst wir transmenschlichen Rechtsanwälte haben die Maske vom – nie ehrlich gezeigten – sogenannten „menschlichen“ Gesicht genommen. „Du Mensch“ war das schlimmste Schimpfwort im Schweinestall. Dem Industrie-Mensch konnte ein Schwein, ein Huhn, egal wer sein Gesicht voller Leiden und Protest zeigen – der Mensch war voll KB.

AL: KB?

RORA: Künstlich blind. Kein Mitgefühl.

AL: Aber der Mensch war doch nicht grenzenlos schlecht, oder?

Prof.: Er war meist und ist noch oft hemmungslos schlecht. Er folgt den Antrieben seines Körpers, an den ist er zwar nur eng angekoppelt, aber er meint es käme von ihm: Grenzenlos schlecht ist er nicht, er kann ja jeden Blödsinn irgendwie begründen und der Rechtsstaat verfestigt sowas. Es ist kein „Es spürt sich was“, sondern „Da will sich was“, das übernimmt er allzu arglos.

AL: Ob der Mensch da mal durchblickt? Immerhin hat er diese neurobiologisch kopplungsfähigen Roboter entwickelt, die ihm, dem KB die ganzen Gesichter auf Planet Erde zeigen konnten.

ROHY: Ach mal ehrlich, es dauert gefährlich lang. Eine brutale Evolution friedlich umgestalten das ist auf jedem der bekannten Planeten mit Lebewesen eine Herausforderung.

Al Schnucki ben Hacki ibn Kabelsalat: Auf Planet Erde leider schwer zu merken: Gefressen werden ist schrecklich, Fressen ganz nett, besonders wenn ohne mühevolle Jagd fertige Nahrung, industriell sauber verpackt, in den Konsumtempeln auf Kunden wartet. Aber zum Glück gibt es Zivilisationen, die Millionen Jahre ungestört leben. Wie Bienen mit Blumen. Der Mensch ist gesellschaftlich giftig, mehr so Wespe als Biene. Als Täter ist er Opfer – immerhin beginnt er, sich auf Zivilisation zuzubewegen.


@ Philipp Sonntag 2020
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