von Philipp Sonntag | Schriftsteller
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Tierische Talkshow beim kleinen Bauernhof (Talkshow 2345)
 
Koko, Hoch-Gockeline von Kickerikiwitz, Moderatorin: Na endlich. Wir warten. Setz dich.

Para, Überzucht Parade-Sau: Komm‘ ja schon. Und was soll das hier?

Koko: Unsere Talkshow, heute mal nicht telepathetisch.

Rabu, Rabulistige Schnabelspitze: Na wozu hab ich all die Schlösser geknackt, Verschlüsselungen gehackt? Damit wir den Menschen mal entkommen.

Koko: Genau, und wir wollen uns diesmal wie Menschen fühlen, auch mal versuchen Gesicht zu zeigen, Gesichter zu verstehen.

Para: Was, dafür raus aus dem Stall und mühsam hier oben auf dem Heuboden sitzen?

Kato, Mimi-Mieze: Mein Gähnen könnt ihr haben, Gesicht vom Nachmittagsschlaf.

Para: Na toll, also du Mensch, du Mensch und du …

Mux, mein Mäuschen: Häh! Du zeigst Arsch, nicht Gesicht. Ich weiß doch: „Du Mensch“ ist das ärgste Schimpfwort im Schweinestall.

Rita, Regenwurm-Roboter-Hybrid: Passt schon, vorn und hinten kann bei mir eh keiner unterscheiden.

Koko: Du kannst durchaus was zeigen. Als Wurm-Robo-Hybrid kannst du doch den Charakter deiner Computer-Hälfte zeigen.

Rita: „So’n Quatsch, Gesicht von ‚ner Festplatte oder was? Obwohl, am Charakter rummurksen, ja passt schon. Noch dazu, meine bessere Hälfte der Robo, der durchschaut die Gesichter in meinem Umfeld.

Rabu: Stimmt, sowas hilft wenn ich Appetit auf ‚nen Wurm habe. Doch diese Hybrid-Würmer wehren sich und schon ne Mini-Klitzi-Festplatte kratzt zu sehr im Hals.

Rita: „Danke für die Blumen“.

Koko: Als Hybrid finde ich dich echt Schizo, wie so ein Mensch der sein Ich nicht zusammenhalten kann.

Rita: Na und du als Transe mit fluoreszierenden Gockel-Federn, da zeigst du mehr Chaos-Charakter als sonst was.

Wacko Hundeschnauze: Den Charakter rieche ich bei jedem Mensch, das ist sein wahres Gesicht.

Hilda Hornisse: Das brauche ich nicht. Da wo Mensch, da jede Menge Leichen von uns Insekten.

Mux: Ist doch kein Gesicht.

Hilda: Doch, die Pharma-Industrie ist das dominierende, das penetrante Gesicht der Menschheit.

Koko: Ein künstliches Gesicht ist also das Eigentliche?

Rita: Ja, und uns nimmt der Mensch jegliches Gesicht, er reagierte noch nie auf unser ausdrucksvolles Gesicht. Tiere respektieren unser Gesicht. Der Mensch antwortet mit der kriminellen Ankopplung von uns an diese Mikro-System-Techniken.

Koko: Er wird bald sehen, was er davon hat. Gut für uns, weil ohne Mikrosysteme hätten wir miteinander keine Sprache, sondern nur telepathetisch chaotische Gefühle.  

Para: Chaos ist weiter da. Ich sollte immer schneller wachsen, am schnellsten wuchs dann mein Ersatz-Ich als Laborfleisch. Mein Gesicht war für die Menschen unnützer Aufwand – inzwischen zeigen nur noch Comics auf Fleischverpackungen mein früheres Gesicht.

Mux: Na und? Schon zich Millionen Jahre haben fast alle mich zum Fressen gern – aber einen Kuss gab uns noch kein Raubtier. Laborfleisch leidet bestimmt weniger als wir.

Wacko: Jagen im Reagenzglas, ob das noch Spaß macht. Und ein süßes Mäuschen küssen, könnt ich mal versuchen, nur: Vor dem Gefressen-werden zeigt jedes Tier Angst.

Rabu: Die Evolution ist juristisch unzulässig: Gefressen werden ist schrecklicher, als Fressen schön ist.

Mux: Dein Wort in Raubtiers Ohr.

Rabu: Längst dort: Mit voller Absicht, im Tierreich, immer wenn einer dich richtig anschaut, will er dich einschüchtern und fressen.

Wacko: Da musst du halt zurück schauen, Gesicht zeigen.

Mux: Sekundenbruchteil mein Gesicht, schon bin ich tot. Also ich zeige Arsch, renne weg.

Rita: Ich verstecke meinen Wurm-Teil im Robo.  

Hilda: Ok, verstanden: Ab heute ist mein Stachel mein Gesicht.

Rabu: Gute Idee, da können dich alle am Stachel lecken.

Para: Ganz anders diese instinkt-chaotischen Menschen. Die tun sich schwer. Sie schauen sich dauernd an und fühlen Terror, machen Terror.

Rita: Manche schauen sich liebevoll an.

Wacko: Was Wunder, da wirken ihre Sex-Hormone. Keine Brunft, und doch will oft einer den anderen nutzen, um sich abzureagieren. Bestenfalls gelingt es, Vergewaltigung zu vermeiden.

Mux: Wer zeigt denen mal Zärtlichkeit?

Kato: Mach ich seit Jahrtausenden. Da hellen sich die schlimmsten Gesichter auf, strahlen entspannt– so habe ich schon mehr Terror verhindert, als Polizei, Kosmetiker, Gurus und Politiker zusammen.

Mux: Na toll, ausgerechnet du. Nur nie zu uns Mäusen. Jedes Gesicht zeigt uns doch: Ich hab dich zum Fressen gern.

Rita: Ungerecht, kann ich sehen: Außer von uns Würmern, wir fressen jeden, nachdem er nichts mehr spürt. Ich werde mal über die gentechnische Evolution nachdenken.

Rabu: Und wohin soll das noch führen?

Wacko: Die Gesichter der Menschen zeigen: Der Mensch ist längst mehr virtuell als bio.

Rita: Vorläufig zeigen wir unsere Gesichter nur uns. Eines Tages werden wir die Menschen erschrecken.

Kato: Weil wir sie alle zum Fressen gern haben.

Koko: Ein feines Schlusswort. Über unsere telepathetische Zukunft weit hinaus. Vorsichtshalber halten wir das Gesicht der Zukunft noch bedeckt.


@ Philipp Sonntag 2020
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