von Philipp Sonntag | Schriftsteller
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Kafkaesk verfeinerte Theorie und Praxis

Jede Zukunft wird durch neue Erkenntnisse gestaltet. In jedem Jahrhundert werden die Grenzen der Gewohnheiten, der Freiheiten, der Wissenschaften verschoben. Die Nutzung der Optionen entspricht selten den sozialen, ökologischen und sonstigen Herausforderungen. Was alles sollte sein, was wäre möglich? Zuallererst sollten die absurden Sachverhalte, die großen Leiden überwunden werden. Der seriöse Wissenschaftler hat sich an die übliche Realität angepasst und klammert absurdes instinktiv aus. Künstler erahnen einige Absurditäten am besten, ihre Botschaften sind jedoch mehr symbolisch als pragmatisch. Revolutionen, Kriege führen gemäß Albert Schweitzer nur dazu, dass eine alte Gewalt durch eine neue ersetzt wird, während die zerstörerischen Kräfte weiter wirken. Ein konstruktiver Ansatz braucht einen  verständigen Blick auf all die absurden gesellschaftlichen Kräfte.

Kafka-Denkmal von Jaroslav Róna in Prag
Kafka-Denkmal von Jaroslav Róna in Prag (Foto by Myrabella)
Franz Kafka um1920
Franz Kafka 1906 (Foto by Andibrunt)


Kafkaeskes erahnen

Bei Kafka wird deutlich, wie empörend, wie grotesk, wie unnötig die alltäglichen Leiden vieler Menschen sind. Veranschaulicht hat Kafka das Absurde dieses Sachverhaltes vor allem in seinen Fachgebieten Unfallschutz und Verwaltung, als Beamter in Prag bei der AUVA (Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt) für das Königreich Böhmen. Sein Mitgefühl galt den Opfern, den Hilflosen. Das zeigte er deutlich in seinen Schriften, und zwar zugleich in Fachbeiträgen, Essays und Belletristik. Jeder kann seine Aussagen für die Weiterentwicklung der Gesellschaft gut nutzen – damals ebenso wie heute. Camus hat diese Option in seinem Artikel: „Die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka" herausgearbeitet.

Eine seriöse Wissenschaft wie die übliche Soziologie blieb lange verschreckt durch die Absurditäten unserer globalen Gesellschaft. Allerdings konnte sie über die Jahre Zusammenhänge immer besser erkennen. Das gelang zum Beispiel am WZB (Wissenschaftszentrum Berlin) seit 1980 dadurch, dass die Wissenschaftler die Methoden, mit denen sie recherchierten, immer besser verstanden und schließlich oft selbst entwickelt haben. Was noch fehlt, ist der kafkaesk geschulte Blick, siehe Glossar. Die geistige Weite könnte zwischen Reform und Revolution durch Utopien gedehnt werden. Vielerlei Künste – wie Musik, Keramik, Lyrik, Architektur, Design – erlauben uns, beklemmende Spannungen in ahnungsvolle Betroffenheit und vage Hoffnung zu verwandeln. Der verständige Blick kann sogar alte Feinde versöhnen, Ängste für einen Moment vertreiben. Was wir für eine harmonischere Gesellschaft brauchen, ist eine geradezu handwerkliche Verbindung von Wissenschaft und Kunst, zusammen mit immer weniger absurden Religionen und immer mehr gemeinsamer Religiosität, über pietätvoll in Richtung himmlisch, mit Verständnis und Gespür für die bislang übergangenen globalen Härten.

Kafkaeskes bezeichnen

„Soziologie mit Kafka" ist eine Verbindung von üblicher Wissenschaft mit einem für kafkaeske Sachverhalte geschulten Blick. Im Stil der enormen Beobachtungsgabe von Kafka gelingt dieser Blick unbestechlich, phantasievoll, inniglich tiefsinnig wissend, schließlich gestaltend.
Zu Kafka gibt es eine Fülle von präzisen Untersuchungen über seine Vergangenheit. Ich werde nicht versuchen, dies zu ergänzen – vielmehr geht es mir um eine Art handwerkliche Nutzung seiner sachlichen Aussagen und literarischen Bilder für die Entwicklung der Gesellschaft.

Eine Anwendung der Betrachtungsweise von Kafka auf Gegenwart und Zukunft geschah bisher nur kaum, jedenfalls nicht in zielgerechter Form. Für Kafka kennzeichnend und praktisch auf die Gegenwart übertragbar erscheinen mir die folgenden kafkaesken Eindrücke:
Arbeiter wurden durch Maschinen (z.B. für Holzverarbeitung) gefährdet, weil Unfallschutz zu wenig beachtet wurde. Kafka deckte auf: Gründe waren Unternehmenslobby, Unterwürfigkeit von Bittstellern und Verwaltungsträgheit. Kafka notierte hierzu über die Unfallopfer: „Wie bescheiden diese Menschen sind. Sie kommen zu uns bitten. Statt die Anstalt zu stürmen und alles kurz und klein zu schlagen, kommen sie bitten." Kafka hat in seinem Fachgebiet unmittelbar zum Fortschritt beigetragen: Technische Bereiche wie Unfallschutz wurden inzwischen teils vorbildlich, teils noch zu wenig verbessert. Die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber der Macht von Unternehmen, der Abzocke im Finanzwesen, der Lobby in der Wirtschaftspolitik hat sich insgesamt mehr verschärft als verringert.

Bei der Verwaltung entwickelt sich vieles in immer neuen Formen, unbeirrbar kafkaesk. Der Hauptmann von Köpenick wird auch heute noch gerne gespielt. Zum Bittsteller wird der Mensch unwillkürlich, sobald er mit Verwaltungen zu tun hat, die von einer streng hierarchischen Ordnung durch die Machthaber geprägt sind. Von diesen Machthabern waren die Opfer vor hundert Jahren strikt getrennt. Es gab kaum Kommunikation, kaum Demos, kaum Gewerkschaft. Für damals kann gelten, was im Duden als typisch für Kafka steht: Die Gesellschaft erschien den Opfern „auf unergründliche Weise als bedrohlich." Kafka zeigte: Der „unwillkürliche" Reflex des Einzelnen zur Unterwerfung ist eigentlich völlig willkürlich. Die Befreiung ist eigentlich naheliegend. Üblich ist das eigentlich Unübliche, das unnötig Unmenschliche. Eine Soziologie ohne einen für kafkaeskes geschärften Blick wirkt in Richtung Anpassung und Verfestigung.

Im sozialen Bereich kann eine Anwendung der Erkenntnisse von Kafka heute genauso Leid verhindern, wie zu seiner Zeit. Die Erfolgschancen sind aktuell verbessert. Für die Opfer waren die Machthaber früher schwer greifbar, kaum angreifbar. Heute wäre zumindest in Deutschland ein gewisser Zugriff auf jene „Wirkungstäter" möglich, welche die größten Schäden anrichten. Die kafkaeske Gewohnheit ist, es nur selten zu versuchen.
Der üblichen Soziologie gelingt es durchaus, das lokale und globale Leid zu beschreiben. Allerdings hat sie in ihrer betulich würdevollen Art eine Tendenz, die Ursachen von Leid als schwer veränderbar darzustellen. Sie ignoriert das Entscheidende, denn Absurdes vermeidet der „seriöse" Wissenschaftler instinktiv. Dieses Glossar soll zeigen, dass Kafka keineswegs selbst ein absurder Außenseiter ist. Vielmehr wird die von ihm meisterhaft dargestellte Welt in ihrer Absurdität erkennbar. Daher wäre sie nun einfach so zu lassen wie sie ist, ebenso absurd. In Zukunft wird das mehr und mehr deutlich werden. Deshalb kann Science Fiction hierzu ein ergänzendes, ein veranschaulichendes Stilmittel sein. Fazit: Es ist absurd, diese Welt nicht zu verändern. Der „kafkaesk geschulte Blick" (Blick zur Aufdeckung kafkaesker Sachverhalte) ist die zeitgemäß erforderliche Ergänzung der Soziologie.

Kafkaeskes nicht mehr ertragen

Vermutlich sind unsere weltweiten Leiden unnötig. Zur Veränderung brauchen wir den zugleich künstlerisch und wissenschaftlich aktiven Menschen –  oder ein Team, das beide Aktivitäten professionell verbindet. Ein Übergang in eine weniger absurde Welt erfordert mehrere starke Eingriffe in die Entwicklung der Gesellschaft. Eine Kombination von Veränderungen – neue Techniken, veränderte Ökologie, befriedete Gewalt usw. – ist spekulativ. Daher gilt sie als wissenschaftlich unseriös.

Unser Risiko ist, dass durch derart künstliche Blindheit ausgerechnet relevante Themen ausgeklammert werden. Was dann? Einerseits erahnen einige wenige Künstler und Zukunftsforscher die Veränderungen viel früher, als andere Menschen. Andererseits steigern fast alle spontanen künstlerischen Darstellungen die gesellschaftliche Verwirrung. Es ist nicht leicht, künstlerische Phantasie und wissenschaftliche Systematik ausgewogen und konstruktiv zu verinnerlichen.

Das kafkaesk präzisierte Glossar

Man kann versuchen, eine künstlerische Betrachtungsweise möglichst konsequent, geradezu systematisch in die ernsthafte Wissenschaft einzubeziehen.

Dafür optimal ist Franz Kafka, in der Art wie er dieselben Probleme zugleich sachlich wie künstlerisch darstellt. Er ahnte bereits, wie unerträglich und „eigentlich unakzeptabel" die breit akzeptierten Gepflogenheiten der Gesellschaft waren. Nur in Teilbereichen wurde schon damals eine Befreiung begonnen, so wurde – durchaus mit mustergültigen Hinweisen von Kafka – damals die Unfallverhütung merklich verbessert, wenn auch in mühsamen Schritten. Ein Wissenschaftler der Kafka verinnerlicht hat, kann klare Vorstellungen gewinnen und zielführende Begriffe formulieren.

Das Glossar verbindet die Wissenschaft nach dem Jahr 2000 mit einem kafkaesk geschulten Blick für Absurditäten. Die „Soziologie mit Kafka", wird zur Anregung in  „ZUKÜNSTE" vom „Netzwerk Zukunft" eingebracht.

Literarische Veranschaulichungen

Eine Besonderheit dieses Glossars ist die literarische Veranschaulichung der Begriffe mit Hilfe von Science Fiction. Das geschieht mit den aus anderen Zeiten in unsere Gegenwart down-geloadeten Berichten, z. B. Talkshows. Unter anderem erfahren wir, wie man uns aus der Zukunft rückblickend einschätzt, was man bei unseren Aktionen vermisst.

Aus der Sicht der Zukunft erscheint unsere Gegenwart als absurd. Deshalb können Berichte aus den möglichen Zukünften, indem sie in die Gegenwart gebracht werden, am besten veranschaulichen, wie eine Soziologie ohne Kafka wirkt und wie eine mit Kafka Bewusstsein und Optionen erweitert.

Außerdem werden, soweit sachdienlich, im Glossar noch vereinzelt Hinweise aus ferner Zukunft und Vergangenheit als Zitate einbezogen – und zwar zur Unterscheidung jeweils am Ende von ein paar Definitionen, dabei optisch eingerückt, so wie hier:

Im Nebenberuf bin ich als Zeitmaschinennavigator „Phila" (alias Philipp Sonntag) der www.c-base.org viel in Weltzeiten unterwegs, siehe auch dort ein Bild der Zeitmaschine mit mir auf phila.crew.c-base.org

Um das Jahr 2000 herum werden meine Berichte zumeist noch als „Science Fiction" bezeichnet. Es ist eine literarische Verbindung von Wissenschaft mit Kunst. Nach 2000 wird ihr utopisch-visionärer Wert zunehmend erkannt.

Kein Lebewesen vom Planet Erde muss einen Führerschein als Zeitmaschinennavigator haben, um aktuelle Gefahren und ihre Ursachen zu erkennen: Die Veränderung der menschlichen Gesellschaft ist viel schneller, als die natürlichen genetischen Veränderungen im Lauf der Evolution, jenseits der vernünftigen Affen. Jeder (fast jeder) ahnt daher, das kann bei der menschlichen Gesellschaft bestenfalls ein paar Jahrtausende gut gehen. Gentechnik kann – ähnlich wie die Atomtechnik – versuchen zu helfen, und dabei enorme Schäden anrichten. Deshalb gilt:

Worauf es bei den Menschen ankommt ist, das finstere Mittelalter zu beenden. Es dauert, wie jedem seriösen Zeitmaschinennavigator bekannt, bis zum Jahre 2.700 nach Christus, diesem Vermittler des guten Mitgefühls, aber auch Mitverursacher des chronisch schlechten Gewissens, welches seine Kirche verbreitet hatte. Nach 2.700 wird man die Horrorgeschichten der Bibel, die Schandtaten der Inquisition, die Gewissensnöte der Päpste in der Regel als soziologisch kafkaesk interpretiert haben werden.

Was kann ich sonst als Zeitmaschinennavigator berichten? Die Saurier jedenfalls waren ganz anders geartet als wir Menschen, umsichtiger, gezielt vorsichtiger, stolze 150 Millionen Jahre lang. Es kam nämlich kein Saurier jemals auf die Idee, es könne einen Gott geben, der ihn laufend begünstigt und andere abstraft. Jeder Saurier würde es als empörende Blasphemie bezeichnen, einem Gott allerlei Willkür zu unterstellen. Ich erinnere mich noch lebhaft an einen feinfühligen Saurier, dem ich leichtsinniger Weise vom wild gläubigen Mittelalter erzählt hatte: Der Saurier wurde abwechselnd von atemberaubendem Entsetzen und wüsten Lachanfällen gepackt und wäre beinahe auf der Stelle erstickt.


@ Philipp Sonntag 2020
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